Wie alles begann – kleiner Rückblick auf die Geschichte des Bielefelder Radentscheids


Nicht aus unserer Anfangszeit, aber gut als Symboldbild geeignet: Moderierte Gruppendiskussionen im Historischen Saal der RaSpi waren typisch für die erste Phase unserer Entstehung. Hier bei unserer eigenen Veranstaltung zum Planen von fahrradfreundlichen Verkehrsräumen mit Bernhard Ensink am 31. Oktober 2019.

Ende 2017 wurde ein Forschungsprojekt mit dem Namen „Klimanetze“ in Bielefeld gestartet. Forscherinnen und Forscher der RWTH Aachen und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (Dortmund) untersuchten am Beispiel von Bielefeld und Darmstadt, wie auf der kommunalen Ebene die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik, Wissenschaft und engagierten Gruppen der Zivilgesellschaft besser gestaltet werden kann, um den Klimaschutz voranzubringen.

Dazu wurde ein Ideenwettbewerb veranstaltet, auf dem die verschiedensten Klimaprojekte vorgeschlagen wurden. Es fanden sich sechs Gruppen, die ihre Ideen für einen Auswahlprozess weiter entwickeln wollten. Unsere Gruppe setzte sich zum Ziel, die Akteure, die ohnehin schon im Bereich des umweltfreundlichen Verkehrs engagiert waren, zu vernetzen.

So entstand das Mobinetz. Als erstes Arbeitsfeld wählten wir den Radverkehr. Wir hatten vom „Volksentscheid Fahrrad“ in Berlin und dem Bamberger „Radentscheid“ gehört und schlugen dies als Projekt unserer Vernetzung vor. Die Forscher*innen und auch die Vertreter der Politik im Auswahlgremium des Klimanetzes hatten zunächst Zweifel, ob sie so ein Projekt zulassen sollten. Bei der Abstimmung in der „Auswahlwerkstatt“ am 2. 2. 2018 hatten alle Anwesenden eine Stimme, und das Mobinetz wurde mit dem Projekt Radentscheid als eines von zwei zu fördernden und zu „beforschenden“ Projekten ausgewählt. Auch das zweite ausgewählte Projekt befasste sich mit einem Verkehrsthema, dabei ging es um die Umgestaltung der Wilhelmstraße.


Die Anlaufphase war geprägt von Arbeit an Konzeptionen und Strukturen. Hier ein Treffen zur Vorbereitung der Konzeptionswerkstatt, bei der wir begleitet von der Forschungsgruppe unser Arbeitsprogramm festlegten. Büro des ADFC Bielefeld, 21. März 2018

Als „Mobinetz“ traten wir auf der Drahteselmesse im März 2018 das erste Mal mit einem Infostand in die Öffentlichkeit und fragten die Besucher*innen, wie sie sich besseren Radverkehr in Bielefeld vorstellten. In den folgenden Monaten überlegten und formulierten wir unsere elf Ziele, klärten die notwendigen juristischen und organsiatorischen Schritte für ein Bürgerbegehren, fanden ein Motto, gestalteten ein Logo und warben um Unterstützung bei Personen, Firmen und Vereinen.

Einladungs-Flyer Kick-Off
Bei der Kick-Off-Veranstaltung am 21. Juli 2018 warben wir um neue Mitstreiter*innen

Schließlich konnten wir am 10. Juli 2019 mit der Unterschriftensammlung beginnen.

Aufsteller zum Unterschreiben in einer Bar
Auch wer abends in Bielefeld ausging, konnte unterschreiben, dank der zahlreichen Sammelstellen

Schon ab der Anlaufphase traten wir mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen an die Öffentlichkeit. Die erste war ein motivierender Vortrag von Heinrich Strößenreuter, Mitinitiator des Berliner Volksentscheids Fahrrad. Wir führten eine geschützte Radspur auf der Artur-Ladebeck-Straße vor, zeigten Werbeclips in den Programmkinos, hatten einen Auftritt beim Carnival der Kulturen, protestierten gemeinsam mit Gütersloher Aktiven gegen die Ausbaupläne der B 61, demonstrierten Alltagsgefahren bei einem „Tag der öffnenden Türen“, fuhren zusammen mit Kindern in Nikolauskostümen durch die Stadt, beglückten Pendler*innen auf dem Fahrrad mit einem frühmorgendlichen Kaffee, fuhren kurz vor der entscheidenden Ratssitzung für 24 Stunden „rund um die Uhr für den Radentscheid“ ums Rathaus, zeigten Abstandsgebote und gedachten der Menschen, die auf dem Fahrrad zu Tode kamen. Fortlaufend pflegten wir unsere Website, waren aktiv in den Sozialen Medien, schrieben Pressemitteilungen, vernetzten uns mit anderen Radentscheiden, suchten und fanden juristische Beratung, fanden Sammelstellen und weitere Unterstützer.

Rednerpult im Murnausaal der VHS
Der Vortrag über den Berliner Volksentscheid Fahrrad brachte Farbe und angeregte Diskussionen

Wir haben viel erreicht und noch mehr gelernt. Was uns immer an dieser Form der Zusammenarbeit gefallen hat: Für den Radentscheid kommen Menschen zusammen, die für dieses Projekt arbeiten wollen, sowohl Einzelne als auch Aktive aus Vereinen und Verbänden. Wir konnten enorm profitieren von der Unterstützung von Transition Town, ADFC, VCD, GAFF und anderen – sowohl finanziell als auch durch die Expertise ihrer Mitglieder. Wir haben dies nie als eine „Vereinnahmung“ verstanden – die Arbeit für den Radentscheid ist auch die Arbeit dieser Verbände, für die wir sehr dankbar sind. Jetzt werden wir den Schwung nutzen, damit wir alle schon bald auf den ersten Strecken sicher und komfortabel mit dem Rad fahren können.

 

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